Awareness Manifest

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Präambel

United We Stream wurde als Antwort der Berliner Clublandschaft auf die ­Herausforderungen der Covid-19 ­Pandemie für Clubbetreiber:innen geschaffen.

United We Stream ist ein solidarischer Zusammenschluss aus über 100 Aktivist:innen aus der Clubkultur, die sich größtenteils ehren­amtlich für den Erhalt einer diversen ­Club­landschaft engagieren.

UnitedWeStream ist eine Initiative der Berliner Clubcommission, des Netzwerks Reclaim Club Culture, vielen weiteren Akteur:innen aus der Clubszene und dem gemeinnützigen Verein BERLIN WORX.

Das Leitbild von United We Stream steht für die Anerkennung der Clubs als ­Kulturstätten und die Sicht­bar­­­machung der ­kulturellen Bedeu­tung und Reich­weite der ­bestehenden ­vielfältigen Club­kultur.

Ziel dabei ist es, ­clubkulturelle ­Werte zu verbreiten und durch die ­gewonnene ­Aufmerksamkeit mehr Bewusstsein für den ­Erhalt der Szene auf ­gesellschaft­licher und poli­­tischer Ebene ­aufzubauen.

Die dabei generierten Spenden dienen ­vornehmlich dem Zweck, die ­finanz­iellen Einbußen der Berliner Clubs ­auszu­gleichen und vor einer Existenz­bedrohung zu schützen.

Werte

United We Stream steht für die Vielfalt der Clubkultur. Ein (digitaler) Raum für die freie Entfaltung aller Kulturen und Facetten des Lebens, zu unvereinbar mit Nationalismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie und Diskriminierung in jeglicher Form. Ein Ort, der Menschen jeder erdenklichen Hintergründe oder Identitäten aufnimmt, sicht- und hörbar macht, Diskurse kritisch hinterfragt und weiterentwickelt, und der marginalisierte Gruppen in unserer Gesellschaft repräsentiert und abbildet.

Clubkultur soll als Rückzugs- und Schutzort gelten. (Digitale) Clubs sind Räume, in denen sich alle frei entfalten und experimentieren können und die Grenzen der anderen respektiert werden.

Als Akteur*innen der Clubkultur haben wir die Möglichkeit Strukturen innerhalb unserer Gesellschaft zu gestalten und sollten diese Verantwortung auch wahrnehmen. Nur durch strukturelle Veränderungen können wir adäquat auf diskriminierende Strukturen antworten und ihnen vorbeugen.

Wir begreifen United We Stream als ein Open-Source Netzwerk mit zugrundeliegendem Solidargedanken, den wir in andere Städte und Länder tragen. Wir unterstützen diese bei der strukturellen Umsetzung, damit sich ­Clubkulturen städte und- länderübergreifend füreinander einsetzen können.

United We Stream begreift die derzeitige globale Krise als einen Startpunkt für eine notwendige gesellschaftliche Transformation. Eine Chance, solidarische Werte zu vermitteln, die sich in unserer Gesellschaft mehr und mehr manifestieren und sich somit klar jeglicher Ausgrenzungspolitik entgegenstellen.

Unsere Clubkultur solidarisiert sich mit Geflüchteten weltweit. United We Stream sammelt Spenden für den Stiftungsfond Zivile Seenotrettung. Wir wollen hier­durch auf die Abschottungspolitik Europas aufmerksam machen.


#leavenoonebehind


Abgeleitet aus dem Anspruch, mit United We Stream die größtmögliche Legitimität und Repräsentanz der ­Berliner Clubkultur und Szene zu erreichen, streben wir in den Arbeitsgruppen und speziell bei bereichsübergreifenden Entscheidungsprozessen eine transparente, paritätische und demokratische Arbeitsweise an.

Ziel des Awareness Manifest ist es, dass die formulierten UWS Werte, abgeleitet aus dem Verständnis einer vielfältigen und solidarischen Clubkultur, die Grundlage der Kuration und Gestaltung der einzelnen Livestreams bilden. Diese Werte sollen und müssen sich in unserem digitalen Clubleben widerspiegeln, sodass alle Menschen sich dort wohl, frei und sicher fühlen können. Dafür gilt es folgende Kriterien zu beachten.

Awareness-Kriterien


Veranstaltungen und Programmgestaltung

  1. Das Booking sollte unter Berücksichtigung von Benachteiligungen aufgrund von Hautfarbe, sexueller und geschlechtlicher Identität, Alter, körperlicher Konstitution, Religions­zugehörigkeit, finanziellen Möglichkeiten, sozialem Milieu etc. geschehen.

  2. Mit dem Programm, das wir gestalten und senden, können wir entweder bestehende ungleiche gesellschaftliche Strukturen fortschreiben, oder diese aufbrechen und positiv umgestalten. Deshalb achten wir im gesamten Line-up besonders auf ausgewogenene Anteile von weiblich und männlich gelesenen, non-binären Personen, People of Color, sowie Künstler*innen unterschiedlicher sozialer, kultureller und ethnischer Herkunft, u.ä.

  3. Ein diverses Programm, das die Vielfalt unserer Gesellschaft und Clubkultur widerspiegelt, bedarf einer bewussten Unterstützung von Künstler:innen aus unterrepräsentierten Gruppen. Die Einführung von Quoten kann dabei hilfreich sein, sollte aber nicht dazu führen, dass Acts nur gebucht werden, um das Lineup diverser zu gestalten. Vielmehr geht es um den Aufbau einer Kultur, in der sich Künstler:innen zum Auftreten ermutigt fühlen, die sich weniger zutrauen als andere oder strukturell ­benachteiligt werden. Ein ausgewogenes Verhältnis von New­comer:innen und bekannteren Acts kann dazu beitragen.

  4. Im Falle einer Programmbesetzung von fünf verschiedenen musikalischen Acts bei einer Streaming Dauer von fünf Stunden, empfehlen wir mindestens zwei bis drei dieser Positionen mit weiblich gelesenen oder non-binären Personen zu besetzen.

  5. Klar und ausdrücklich frauenfeindliche, sexistische, homo- oder transphobe, rassistische oder anderweitig menschen­abwertende Ver­anstaltungen werden nicht toleriert.

  6. Innerhalb der genutzten Medien (Musik, Visuals, Sticker, Kleidung, Transparente, Poster etc.) darf es unter keinen Umständen zu einer Objektivierung oder Diskriminierung aufgrund von stereotypisierten Merkmalen von Personen kommen.

  7. DJs haben gegenüber dem Publikum die Verantwortung, die Selektion der Tracks bewusst (in Bezug auf Punkt 6) auszuwählen. Die Texte der Songs sowie deren Botschaften sind den DJs bekannt. Die Veranstalter:innen bzw. Booker:innen tragen somit die Verantwortung, welche Künstler:innen sie für das Programm auswählen. Diese Verantwortung gilt auch für getragene Kleidung mit Symbolik.

  8. Wir haben ein Bewusstsein dafür, dass die Programmgestaltung und ­Produktion der Streamings aktuell vor dem Hintergrund der Covid-19 ­Pandemie und der damit ­einhergehenden Ausnahmesituation für Clubs geschieht. Herausforderungen sind u.a. ein meist geringer zeitlicher Vorlauf in der Programmplanung, die eingeschränkte Verfügbarkeit sowie kurzfristige Absagen von Künstler:innen. Sollte dies zu Einschränkungen in der ­Programmdiversität führen, steht die UWS-Struktur jederzeit für einen Austausch bereit, um gemeinsam Lösungen zu finden.

  9. Durch die kontinuierliche ­qualitative und quantitative Evaluation unseres Progammangebots können wir Ungleichheiten besser erkennen und daraus gezielte Maßnahmen ­ableiten.

  10. Die Arbeit in der Clubkultur ist nicht selten von prekären Beschäftigungsverhältnissen und Grenzwirtschaft geprägt. Dies ist ein Problem, das in der aktuellen Ausnahmesituation der Pandemie besonders sichtbar wird. Ein Club, eine Veranstaltung und auch ein Stream, wird erst durch den Einsatz und Input Vieler möglich und erfolgreich. Dazu zählen Abendleitung, Techniker:innen, Booker:innen, Künstler:innen uvm. Gerade in existenzbedrohlichen Zeiten wie diesen ist es umso wichtiger, die Arbeit aller Beteiligten wertzuschätzen und zu honorieren.
Bei offensichtlicher Missachtung der ­formulierten ­Awareness ­Kriterien (Punkte 1–8) behält sich UWS folgende Rechte vor:
  • in den offenen Dialog zu gehen, um die Programm­gestaltung gemeinsam nach o.g. Kriterien auszurichten
  • einen Livestream abzubrechen bzw. eine aufgezeichnete ­Sendung nicht auszustrahlen
  • die Partnerschaft zu beenden

UWS versteht Awareness im Prozess. Es geht hierbei nicht um richtig und falsch, ­sondern um stetige Reflexion unserer ­eigenen ­Position, ­unseren ­Möglichkeiten und der vorherrschenden Situation. Es geht nicht ­darum, mit dem ­Finger ­aufei­nander zu ­zeigen, sondern die ­Chance und die Ver­antwortung, die wir alle als ­Akteur:innen der ­Club­kultur ­haben, gemeinsam wahr­zunehmen. Wir sind viele – und so ­divers wie sich die Clubkultur ­gestaltet, so unterschied­lich mag auch das Ausmaß sein, mit ­welchem wir uns aktiv mit Konzepten von ­Awareness und Gleichstellungsmaßnahmen ­aus­einander­gesetzt haben. Vielmehr ­bietet UWS jetzt die ­Chance, hier ­gemeinsam voneinander zu lernen, sich zu ­unter­­stützen, ­nachzufragen, auszutauschen und ­zusammen mit Verständnis ­positive ­Verände­rungen zu ­bewirken.